Interview mit Dr. Gery Colombo “Das macht Lio langfristig unschlagbar.”

Dem Roboterhersteller F&P Robotics ein Coup gelungen: Mit Gery Colombo sitzt neu ein Pionier der Robotik im Beirat des Unternehmens. Einst hat Colombo die Rehabilitation im Gesundheitswesen revolutioniert, nun erklärt er, wieso und wie F&P Robotics dasselbe in der Alterpflege schaffen kann.

Dr. Colombo, wissen Sie noch, wo und wie Sie das erste Mal mit der Firma F&P Robotics in Kontakt gekommen sind?

Meine Geschichte mit F&P Robotics startet beim “F” und geht sehr weit zurück. Der Firmengründer Hansruedi Früh und ich haben schon zu Universitätszeiten in den 90ern gemeinsam Projekte realisiert, unter anderem für den Nationalfonds. Ab dann waren wir stets in Kontakt, auch nach der Gründung der F&P Robotics 2014. So wusste ich immer, was läuft. Vor einem Jahr durfte ich F&P Robotics besuchen mit Vertretern der Vamed aus der Rehaklinik Zihlschlacht. Die Vamed ist eine Kundin meines vorherigen Unternehmens, der Hocoma. Heute ist sie auch eine der ersten und wichtigsten Kundinnen von Lio, dem Pflegeroboter von F&P Robotics.

Wo sehen Sie die Parallelen zwischen F&P Robotics und der von Ihnen gegründeten Firma Hocoma?

Mit der Gründung von Hocoma haben wir im Jahr 2000 eine Revolution in der Rehabilitation ausgelöst. Denn mit dem Lokomat haben wir den ersten Roboter eingeführt, mit dem Patienten das Laufen wieder erlernen konnten. Das war damals Pionierarbeit. F&P Robotics ist heute an einem ähnlichen Punkt, auch sie sind Pioniere in ihrem Bereich, der Alterspflege. Der Pflegeroboter Lio ist der erste seiner Art.
Mehr über Lio

Gery Colombo Quote about F&P Robotics

Noch steht die Revolution in der Alterspflege erst an. Wie beurteilen Sie die Chancen für F&P Robotics, denselben Erfolg wie die Hocoma zu haben?

Grundsätzlich wird die Robotik überall in der Wirtschaft eine Rolle spielen, wo es manuelle Arbeit zu erledigen gibt. Das ist im Gesundheitswesen der Fall. Nun positioniert sich F&P Robotics innerhalb des Gesundheitswesens im Bereich Alterspflege, wo der Bedarf nach einem innovativen Produkt wie Lio besonders gross ist. Denn schon heute haben die Altersheime und Spitäler Mühe, genügend Pflegepersonal zu finden. Dieser Fachkräftemangel wird sich in Zukunft noch weiter zuspitzen, denn aufgrund der Demographie wird es immer mehr ältere Personen geben, die gepflegt werden müssen – gleichzeitig ist die Anzahl Menschen, die im Pflegeberuf arbeiten wollen und können, begrenzt. Hinzu kommt die Covid-19 Situation, so dass das Pflegepersonal mit zusätzlichen Herausforderungen umgehen muss. Zum Beispiel müssen sie nun ältere Menschen mit mehr Abstand betreuen können. All das erhöht das Bedürfnis nach Unterstützung exponentiell. Für mich ist daher klar, dass Roboter in der Alterspflege zum Einsatz kommen werden. Die Frage ist nur, wann das geschehen wird.

Wovon hängt die Antwort auf diese Frage ab?


Von unterschiedlichen Aspekten. Zuerst müssen die Roboter überhaupt können, was von den Pflegenden und den Patienten verlangt wird. Das ist eine technologische Herausforderung. Ein Roboter in den 90er-Jahren war vor allem dort gut, wo sich einfache Aufgaben klar definieren liessen und diese möglichst oft und rasch wiederholt werden mussten. Zum Beispiel ein Greifarm, der bei neuen Autos die Türen montiert. In der Altenpflege ist die Ausgangslage komplett anders. Hier sind es eben nicht spezifische Aufgaben. Es gibt wenig Routine, sondern es sind verschiedene und komplexe Herausforderungen, die von Tag zu Tag ändern. Die grosse Stärke von Lio ist, dass er bereits heute sehr viele der verlangten Fähigkeiten beherrscht. F&P Robotics ist somit mit ihrer Schlüssel-Technologie sehr weit, denn kombiniert wird diese auch mit künstlicher Intelligenz. Dabei profitiert die Firma klar von der jahrelangen Erfahrung, die der Geschäftsgründer Hansruedi Früh auf dem Gebiet hat. Es gibt aber noch eine andere Herausforderung.

Und die wäre?


Das Akzeptanzproblem von neuen Technologien, mit welchem ich mich mit meiner Firma Hocoma stark konfrontiert gesehen habe. Damals mussten wir nicht nur gute Technologien entwickeln, sondern ebenfalls die Physiotherapeuten davon überzeugen, dass diese Technologien ihnen helfen. Denn im ersten Moment war bei den Physiotherapeuten vor allem die Angst da, dass diese Roboter sie nicht unterstützen, sondern ersetzen. Und deshalb gingen sie verständlicherweise auf die Barrikaden.

Es gibt im Markt keinen anderen Roboter, der wie Lio bereits heute schon so viele der komplexen Aufgaben in der Alterspflege meistern kann

Wie haben Sie diese Ängste abbauen können?

Es geht um die richtige Kommunikation, die ist ungemein wichtig. Und sie muss von Beginn an stimmen. Man kann nicht einfach in eine Klinik gehen, dort nur mit der Geschäftsleitung sprechen und ihr erklären: “Mit dem Roboter können Sie Kosten einsparen, weil Sie weniger Personal brauchen.” Sondern man muss von Beginn an die Fachkräfte in der Pflege mit an den Tisch holen. Und dort ganz klar festhalten: Diese Roboter sind nicht dazu da, Euch zu ersetzen, sondern um Euch zu unterstützen und dadurch die Effizienz zu erhöhen. Die Roboter sollen dem Pflegepersonal Aufgaben abnehmen, damit sie sich auf andere konzentrieren können. Das können Tätigkeiten sein, die sie vielleicht gar nicht gerne selber erledigen, weil sie zum Beispiel körperlich anstrengend sind. Es ist eigentlich so: Fragt man eine Pflegefachperson, ob sie Unterstützung braucht, wird diese sofort mit Ja antworten, denn die meisten haben viel zu viel zu tun, sie leiden unter einer Ressourcen-Problematik. Also muss die nächste Frage sein, wo kann Euch ein Roboter wie Lio entlasten, was muss er können. Dieser Feedbackloop ist natürlich enorm wertvoll für die Entwicklung, denn letztlich muss der Roboter die gewünschten Aufgaben tatsächlich erfüllen können.
Mehr über Forschung und Entwicklung

Also bleiben zwischenmenschliche Kompetenzen auch mit der Robotisierung ausschlaggebend?


Absolut. Es ist auch ein zweiseitiger Markt. Die Roboter unterstützen das Pflegepersonal auf der einen Seite und auf der anderen Seite pflegen sie die Patienten. Die Patienten müssen die Roboter daher ebenfalls akzeptieren. Auch hier ist die Kommunikation wichtig. Wenn man älteren Personen aufzeigen kann, dass der Roboter der Pflegefachperson Arbeit abnimmt und sich die Pflegekraft dadurch mehr auf den sozialen Kontakt konzentrieren kann, werden die älteren Personen den Wert der Roboter eher zu schätzen wissen.

Die F&P Robotics muss sich also am Markt nicht nur als Anbieter von hochklassigen Robotern durchsetzen, sondern auch erstklassige Dienstleistungen anbieten?


Ich denke, in der Anfangsphase ist das entscheidend. Hier muss man mit Schulungen und Einführungskursen den betroffenen Berufsgruppen den Mehrwert mit den richtigen Botschaften aufzeigen und vor allem die Handhabung vermitteln. Ein Roboter ist kein Produkt wie ein Mixer, den man einfach in eine Küche stellen kann, und bei der sich die Bedienung selbst erklärt. Darüber hinaus ist der Umgang mit solchen neuartigen Technologien zurzeit noch nicht Gegenstand der Curricula in den betroffenen Ausbildungsgängen.

Die Chancen sind also enorm, aber auch die Herausforderungen sind gross. Welche Rolle werden nun Sie als Vorsitzender des Komitees für Pflege-Robotik im Beirat der F&P Robotics spielen?


Ich bringe die Erfahrung, wie man als Pionier einen neuen Markt erschliesst. Darüber hinaus habe ich bei der Hocoma ebenfalls einen wissenschaftlichen Beirat gegründet und weiss deshalb, wie so ein Gremium dem Unternehmen einen direkten Mehrwert bringen kann. Hauptziel eines Beirats muss klar sein, dass er Kundenbedürfnisse sauber identifiziert. Das steht zwar auch in jedem Managementhandbuch, nur wie man es im Alltag konkret umsetzt, ist eine andere Frage.

Wie setzt der Beirat um, dass das Unternehmen die Kundenbedürfnisse besser kennt?


Man braucht im Beirat die richtigen Leute, die die tatsächlichen Bedürfnisse der Kunden kennen und repräsentieren. Es sollte sich dabei um Meinungsführer handeln. Und vor allem auch um Menschen, die vorausdenken, also nicht nur Bedürfnisse von gestern kennen, sondern auch solche von morgen herleiten können. Mit solchen Experten kann man dann in Workshops Empfehlungen für das Unternehmen vorbereiten, wie es die Produkte und sich selbst weiterentwickeln kann, um wettbewerbsfähiger zu werden. Das ist der Anspruch, den ich an mich als Beirat habe. Ich bin nicht einfach nur ein Name auf dem Papier für PR-Zwecke und das war’s. Ich möchte etwas beisteuern.

Welche Entwicklung erwarten Sie als Beirat von der F&P Robotics?


Die Firma F&P Robotics ist, als Pionierin, Marktführerin in ihrem Segment mit Lio. Die grossen Herausforderungen kommen aber, wenn der Markt sich entwickelt hat und sich das Unternehmen internationalisiert. Schon heute ist F&P Robotics in Deutschland präsent, hat Roboter dorthin verkauft. Aber der interessanteste Markt im Gesundheitswesen ist die USA, und ein riesiger Wachstumsmarkt ist China. Ich möchte, dass F&P Robotics auch dort nicht nur Pionierin ist, sondern Weltmarktführerin bleibt in den nächsten Jahren.

Wie zuversichtlich sind Sie, dass F&P Robotics mit Lio Weltmarktführerin bleiben wird?


Natürlich sehr. Schauen Sie, es gibt im Markt keinen anderen Roboter, der wie Lio bereits heute schon so viele der komplexen Aufgaben meistern kann, die sich in der Alterspflege stellen. Hinzu kommt, dass sich diese Aufgaben von Markt zu Markt unterscheiden. Bildlich gesprochen, die Grossmutter in Shenzhen hat andere Bedürfnisse als der Grossvater in Wisconsin, nur schon sprachlich. Und aufgrund des Zusammenspiels von cloud computing und künstlicher Intelligenz ist Lio stark im vernetzten Lernen, dadurch sehr versiert und flexibel. Eignet sich ein Roboter an einem Ort eine neue Fähigkeit an, kann diese von allen anderen Lios im Markt angewendet werden. Lio wird also mit zunehmender Zeit immer mehr neue Aufgaben erledigen können und damit noch massgeschneiderter den Kundenbedürfnissen entsprechen. Das macht ihn langfristig unschlagbar.

Neben Lio bietet F&P Robotics auch in anderen Segmenten Roboter an, zum Beispiel mit dem Bar-Roboter Barney in der Gastronomie. Wie beurteilen Sie diese strategische Breite?


Ich bin der Experte für Pflegerobotik, dort werde ich mich einbringen. Zu den anderen Bereichen kann ich somit nicht viel sagen. Das Potential der Schlüssel-Technologie der F&P Robotics ist sicherlich in verschiedenen Märkten gross, auch wenn diese teilweise komplett unterschiedlich funktionieren und anders bearbeitet werden müssen. Ich finde es deshalb wichtig, dass der Beirat sich mit verschieden zusammengesetzten Komitees den einzelnen Märkten wie Gesundheitswesen, Gastronomie und Industrie gesondert annimmt. So verhindert man, dass sich das Unternehmen verzettelt, und stellt sicher, dass es die Möglichkeiten in den einzelnen Märkten gezielt wahrnehmen kann.
Mehr über Assistenzrobotik

Zur Person

Dr. Gery Colombo hatte neun Jahre lang die Forschungsabteilung des Universitätsspitals Balgrist in Zürich geleitet, als der promovierte Elektroingenieur im Jahr 2000 einen Entschluss fasste, der fortan nicht nur sein, sondern das Leben von unzähligen anderen Menschen nachhaltig verändern sollte: Gemeinsam mit zwei Kollegen gründete er die Firma Hocoma, die sich auf Rehabilitations-Robotik spezialisierte – ein Gebiet, das damals wirtschaftlich noch nicht existierte. Die Firma entwickelte und kommerzialisierte den Lokomat, ein Gerät, mit dem in der Mobilität beeinträchtigte Menschen lernen können, sich wieder eigenständig zu bewegen. Mit innovativen Produkten wie diesem führte Colombo die Firma von einem kleinen Startup mit einer guten Idee zu einem hochkompetitiven Technologieführer mit über 150 Angestellten in 50 Ländern. Als Begründer der Industrie für Rehabilitationstechnologien hat Gery Colombo zudem Forschungskonferenzen initiiert und bringt sein Knowhow als Berater in verschiedene Organisationen ein. Gery Colombo ist Vater von zwei Kindern und lebt in Uster. Seit Anfang Jahr ist er auch MItglied des Beirats der Firma F&P Robotics und steht darin dem Ausschuss für Pflege-Robotik vor.
Gery Colombo with Lio